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Von der Arbeit zur Tat:

  • Autorenbild: Dr. Willem Lammers
    Dr. Willem Lammers
  • 22. Apr. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Der Beratungsraum ist ein Ort der Konzentration und Fürsorge. Man hört zu, stellt Fragen, hält die Stille inne. Als Coach, Berater, Psychotherapeut oder Pädagoge schafft man Rahmenbedingungen, in denen Menschen reflektieren, sich selbst erforschen und Veränderungen vornehmen können. Die Arbeit ist sinnstiftend. Die Umgebung ist vertraut. Man kennt seine Methoden. Und doch – es kann ein Moment kommen, in dem sich dieser Raum zu eng anfühlt. Nicht, weil er an Wert verloren hat, sondern weil etwas in der Welt oder in einem selbst eine andere Art der Präsenz erfordert.


Foto © Dr. Willem Lammers

Dieser stille Wandel lässt sich schwer benennen. Er äußert sich nicht als klare Forderung. Er beginnt vielleicht mit einem Unbehagen: dem Gefühl, dass die Arbeit nicht mehr den aktuellen Anforderungen entspricht. Eine Frage entsteht – wie geht es nun weiter? Was kommt als Nächstes?


Drei menschliche Aktivitäten

Hannah Arendt gibt dieser Spannung einen Ausdruck. In „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ unterscheidet sie drei zentrale Modi menschlicher Tätigkeit: Arbeit, Werk und Handeln (Arendt, 1958). Jeder von ihnen trägt zu unserem Leben bei, hat aber einen anderen Rhythmus und eine andere Bedeutung.


Arbeit erhält uns am Leben. Sie umfasst alle zyklischen Tätigkeiten, die den Körper erhalten – Atmen, Essen, Schlafen, Pflegen. Sie muss täglich wiederholt werden. Arbeit schafft etwas Dauerhafteres. Sie formt die materielle Welt – Gebäude, Werkzeuge, Systeme, Traditionen. Ihre Produkte können den Schöpfer überdauern. Handeln hingegen entfaltet sich zwischen Menschen. Es entsteht in Sprache und Interaktion. Es ist unvorhersehbar. Es zeigt, wer wir sind, nicht was wir tun. Handeln initiiert etwas Neues.


Arendts Triade ist keine Hierarchie. Sie stellt keine Tätigkeit über die anderen. Jede ist wesentlich. Sie merkt jedoch an, dass Handeln, anders als Arbeit, nicht kontrolliert werden kann. Es durchbricht Routinen. Es verleiht der gemeinsamen Welt Sinn.


Wo Profis wohnen

Berater bewegen sich üblicherweise zwischen Arbeit und Freizeit. Sie kümmern sich um sich selbst, um für andere da sein zu können. Sie gestalten Sitzungen, schaffen Strukturen und evaluieren die Ergebnisse. Das ist wertvolle Arbeit. Sie schenkt den von ihnen betreuten Menschen Klarheit und Stabilität. Doch Arendts dritte Kategorie – das Handeln – bleibt oft im Hintergrund. Es erfordert mehr als bloße Anwesenheit im Raum. Es verlangt Präsenz in der Welt.


Handeln bedeutet, die Sicherheit etablierter Strukturen zu verlassen. Es bedeutet, öffentlich zu sprechen, für andere zu schreiben, sich für etwas einzusetzen, auf Ereignisse zu reagieren, die über den eigenen Arbeitsbereich hinausgehen. Nicht auf eine Weise, die die Professionalität außer Acht lässt, sondern auf eine Weise, die die eigene Stimme als Person zurückgewinnt. Handeln kann dort beginnen, wo die Expertise endet.


Das Risiko der Sichtbarkeit

Für viele fühlt sich dieser Übergang riskant an. Der Therapieraum bietet Schutz. Innerhalb seiner Mauern ist die Rolle klar definiert. Außerhalb verschwimmen die Kategorien. Man spricht vielleicht nicht mehr als Therapeut oder Lehrer. Man spricht als jemand, der sieht, der sich beunruhigt fühlt, der reagieren möchte. Dieser Wandel kann Zweifel auslösen. Wer ist man ohne die gewohnte Rolle? Was, wenn die eigene Stimme infrage gestellt, missverstanden oder ignoriert wird?


Diese Fragen sind nicht theoretisch. Sie sind tief in dir verwurzelt. Vielleicht zögerst du, einen Kommentar zu veröffentlichen, an einer Demonstration teilzunehmen, einen Vortrag zu halten oder ein Gespräch zu beginnen. Handeln bedeutet, sich zu exponieren. Es durchbricht die Grenzen der Privatsphäre und der beruflichen Distanz. Und doch ist es auch der Ort, an dem sich das Leben entfaltet – zwischen Menschen, öffentlich, in Echtzeit.


Essenz als Quelle

In der Logosynthese sprechen wir von der Essenz als dem, was du jenseits von Raum und Zeit bist. Sie treibt dich nicht zum Handeln an. Sie schreibt dir nicht vor, was du tun sollst. Stattdessen bietet sie dir einen Bezugspunkt. Wenn du dich wieder mit dieser Quelle verbindest, wird deine Mission klarer. Du handelst nicht länger aus Druck, Angst oder Egoismus. Du handelst, weil etwas durch dich spricht – leise, stetig, ohne Forderungen.


Diese Präsenz verändert deine Einstellung zum Handeln. Sie mildert die Angst vor dem Unbekannten. Sie befreit dich vom Kontrollzwang. Von diesem Zustand aus musst du nicht die Welt retten. Du musst nur in ihr präsent sein – mit deiner Stimme, deiner Aufmerksamkeit und deiner Bereitschaft zu reagieren.


Von der Eindämmung zum Kontakt

Der Schritt vom Arbeiten zum Handeln bedeutet keine Abkehr vom Beratungsraum. Er ist eine Erweiterung. Er fragt, ob Ihre Arbeit auch außerhalb des vorgegebenen Rahmens wirken kann. Ob Ihre Präsenz in Umgebungen hineinreicht, in denen Strukturen weniger streng sind, Konflikte sichtbar sind, in denen niemand um Hilfe bittet, diese aber dennoch benötigt wird.


Das bedeutet nicht, im üblichen Sinne politisch zu werden. Es bedeutet, sich mit mehr von sich selbst in die gemeinsame Welt einzubringen. Es bedeutet, die eigenen Erfahrungen in die Öffentlichkeit einfließen zu lassen – nicht mit Gewalt, sondern durch Resonanz.


Eine andere Art von Mut

Für all jene, die noch suchen, bietet Arendt Orientierung. Arbeit erhält das Leben. Arbeit formt Gestalt. Handeln lädt Sinn ein. Wenn Handeln möglich wird, ist es oft still. Eine Botschaft, die man aussendet. Ein Gespräch, das man nicht länger aufschiebt. Ein Projekt, das ohne Garantie beginnt.


Diese Schritte wirken selten bedeutsam. Sie mögen unsicher, unbeholfen, ja sogar klein erscheinen. Doch sie markieren einen Wandel. Man geht vom Raumhalten zum Eintreten in ihn über. Von Struktur zu Spontaneität. Von Kontrolle zu Kontakt.


In diesem Schritt wird etwas Wesentliches sichtbar. Nicht als Performance. Nicht als Marke. Sondern als Ihre Präsenz – klar, verfügbar und reaktionsfähig.


Referenz

Arendt, H. (1958). Die menschliche Existenz . University of Chicago Press.

 
 
 

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