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Meeting Midlife

  • Autorenbild: Dr. Willem Lammers
    Dr. Willem Lammers
  • 21. Mai 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Das verblassende Programm

Carl Gustav Jung schrieb einmal: «Völlig unvorbereitet treten wir den Schritt in den Nachmittag des Lebens… wir können den Nachmittag des Lebens nicht nach dem Programm des Lebensmorgens leben, denn was am Morgen groß war, wird am Abend gering sein.» Die Aussage beschreibt nicht notwendigerweise einen Niedergang. Sie benennt eine Verschiebung der Orientierung. Die Regeln, die die ersten Jahrzehnte des Lebens prägen – Leistung, Anerkennung, Identität – verlieren an Deutlichkeit. Was einst bedeutend schien, hallt nun ohne Gewicht wider. Die Strukturen bleiben bestehen, doch ihre Bedeutung dünnt aus. Rollen bestehen fort. Die Leistung kann sich sogar verbessern. Aber etwas Wesentliches hört auf zu antworten.


Photograph © Dr. Willem Lammers

Wo das Versprechen bricht

Frühere Generationen lebten in der Erwartung, dass Anstrengung zu Sicherheit führen würde. Wenn man hart arbeitete, die Regeln befolgte und ein Leben nach der Matrix aufbaute, würde man irgendwann ankommen. Für viele ist dieses Versprechen heute gebrochen. Was als stabil präsentiert wurde, erwies sich als fragil. Was zufriedenstellen sollte, brachte Ernüchterung. Die Lebensmitte bot keine Belohnung, nur die Erkenntnis, dass es diese Belohnung nie gab. Manche reagierten mit abrupten Veränderungen. Andere zogen sich zurück. Doch unter all dem lag dieselbe Frage: Und jetzt?


Eine leisere Erschütterung

Millennials erleben einen ähnlichen Moment, jedoch ohne dieselben Formen. Die Matrix hat sich verändert, bevor sie sie überhaupt betreten konnten. Der traditionelle Weg trägt nicht mehr. Arbeit ist instabil. Wohnen ist unsicher. Beziehungen spannen sich über neue Modelle. Es gibt wenig, wogegen man rebellieren könnte, weil wenig angeboten wurde. Und doch erscheint dasselbe Gefühl der Erschütterung – nicht als lauter Zusammenbruch, sondern als stilles Sich-Entfernen. Man erreicht die Lebensmitte ohne klare Bezugspunkte. Die Frage ist nicht, warum das Versprechen scheiterte. Sondern ob es überhaupt eines gab.


Drei Teile, eine Drift

In der Logosynthese spiegelt die Verschiebung in der Lebensmitte eine Trennung zwischen Essenz, Selbst und Matrix wider. Die Essenz hält den Zweck. Das Selbst handelt. Die Matrix bietet Struktur. Ein großer Teil des Lebens lehnt sich das Selbst an die Matrix, um Bedeutung zu finden. Es passt sich Erwartungen an. Es lernt, zu funktionieren. Mit der Zeit wird dieser Kontakt zur Matrix automatisch. Die Verbindung zur Essenz schwächt sich. Das Selbst prüft nicht länger, ob seine Handlungen noch Bedeutung tragen – es macht einfach weiter. Die Lebensmitte unterbricht diese Schleife. Sie markiert den Moment, in dem Leistung die Entfremdung nicht mehr verdeckt.


Keine Krise – Kontakt

Unser Logosynthese-Modell beschreibt diese Phase nicht als Krise. Es zeigt erstarrte Energie­muster – Glaubenssätze, Wahrnehmungen und Identifikationen, die einst der Anpassung dienten, nun aber den natürlichen Fluss des Lebens stören. Diese Muster wurden in früheren Phasen gebildet, oft lange bevor das Selbst darüber reflektieren konnte. Sie drängen das Selbst zu bestimmten Zielen, Rollen oder Opfern, ohne deren Relevanz zu prüfen. Wenn diese Muster ihre Macht verlieren, bleibt nicht Leere zurück. Es bleibt Raum. In diesem Raum wird die Essenz wieder wahrnehmbar – nicht als Antwort, sondern als Richtung, die keine Bestätigung braucht.


Loslassen

Im Prozess der Logosynthese fügst du nichts hinzu – du entfernst, was nicht mehr dazugehört. Du benennst die eingefrorenen Wahrnehmungen, Gedanken oder Fantasien, die deine gegenwärtige Erfahrung weiterhin prägen. Du lässt die Worte der Grundprozedur dort wirken, wo Einsicht allein nicht hinreicht. Das Ergebnis ist nicht dramatisch. Oft ist es subtil. Aber etwas verschiebt sich. Das Selbst hört auf, unter Druck zu funktionieren. Die Matrix definiert nicht länger, was gut oder genug ist. Die Essenz übernimmt nicht – sie tritt wieder ins Blickfeld.


Ein anderer Rhythmus

Der Nachmittag des Lebens bringt zunächst eine Gewichtsverlagerung, nicht eine neue Richtung. Die Welt um dich herum bleibt in Bewegung, die Matrix liefert weiter ihren Kommentar, während ihre Stimme an Dringlichkeit verliert, je mehr sich deine Aufmerksamkeit nach innen richtet. Das Selbst hört präziser zu, abgestimmt darauf, was resoniert, während Forderungen, die einst drängend wirkten, nun vorüberziehen, ohne dich zu vereinnahmen. Diese Bewegung erfordert weder Anstrengung noch Ersatz. Sie markiert das stille Loslassen alter Identifikationen, deren Zeit vorüber ist.


Gegenwart ersetzt Streben

Arbeit, Fürsorge, Handeln und Sprechen mögen weiterhin deinen Alltag füllen, doch der Impuls dahinter speist sich weniger aus übernommenen Mustern und mehr aus direktem Kontakt mit dem, was Bedeutung trägt. Was du sagst, gewinnt an Klarheit, während das Bedürfnis zu erklären schwindet, und was du tust, fließt mit weniger Reibung. Diese Veränderung folgt keinem Plan. Sie entsteht, wenn die Logik des Morgens ihren Halt verliert und ein leiserer Rhythmus beginnt, deine Antwort auf die Welt zu formen.


Das Licht ist anders

Am Morgen kommt das Licht von vorn. Am Nachmittag fällt es von der Seite. Was einst einen langen Schatten warf, erscheint nun gewöhnlich. Was übersehen wurde, beginnt Form anzunehmen. Du musst nicht wissen, was als Nächstes kommt. Aber du beginnst zu sehen, was du nicht länger tragen musst. Und das verändert alles.


Literatur

Carl Gustav Jung: Modern Man in Search of a Soul, p. 111.

 
 
 

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